Der Fall „DR“ = Deutsches Reich – Jansa Plan

Bruno W. Koppensteiner

Feldmarschallleutnant Alfred Jansa

Feldmarschallleutnant Alfred Jansa war von 1933-1935 österreichischer Militärattaché in Berlin. Seine damaligen Erfahrungen und Beobachtungen haben ihn mit Sorge erfüllt. Nach seiner Beurteilung war „ab Ende 1937 mit vereinzelten, ab 1939 bereits mit großen bewaffneten Aktionen“ zu rechnen, vor allem auch gegen Österreich. Daher „durfte weder im eigenen Lager noch in Deutschland und den anderen Staaten den geringsten Zweifel an unserer unbeugsamen Entschlossenheit Raum gegeben werden“, schreibt er in seinen Memoiren.[1]

Als er 1935 zum Generalstabschef des Österreichischen Bundesheeres ernannt wurde, wollte er alles in seinen Kräften liegende tun, „um jedem Angriff – wo immer er kommen möge – mit der ganzen Wucht der Waffen des Bundesheeres zu begegnen“. Und er entschied angesichts der offensichtlichen Bedrohung durch Hitler, „alle Vorbereitungen … und alle verfügbar zu machenden Geldmittel mit einem 90%igen Schwergewicht an die deutsche Grenze zu legen.“[2] Die Planungen gingen von einem Hauptstoß der Deutschen Wehrmacht durch das Donautal Richtung Wien und Inbesitznahme der Bundeshauptstadt aus. Die diesbezüglichen Vorbereitungen sind hinreichend dokumentiert[3]. Die hier vorliegenden Ausführungen befassen sich hingegen mit den wenig bekannten Sperr- und Verteidigungsmaßnahmen, die im Rahmen der Planungen für den Fall „DR“ auf dem „Nebenkriegsschauplatz“ Salzburg, Tirol und Vorarlberg vorgesehen waren.

[1] Alfred Jansa, Aus meinem Leben. Kap X 1935-1938

[2] Ebda.

[3] Hubertus Trauttenberg, Die Abwehrvorbereitungen gegen einen deutschen Angriff im Bereich der 4.Division zwischen 1936 und 1938. In: ÖMZ 2/1988

Auszug

aus Verteidigungs- und Sperrvorbereitungen auf dem „Nebenkriegsschauplatz“ Salzburg, Tirol und Vorarlberg zwischen 1935 und 1938 – Jansa Plan.

Mit 1. Juni des Jahres 1935 wurde im Bundesheer der Ersten Republik wieder ein Generalstab geschaffen. An dessen Spitze stand Generalmajor (ab 1936 Feldmarschallleutnant) Alfred Jansa Edler von Tannenau. Von 1933 bis 1935 Militärattaché in Berlin, hatte er Gelegenheit gehabt, die massive Aufrüstung der Reichswehr und die offensichtliche Vorbereitung auf einen Krieg mit zu verfolgen. Nach seiner Beurteilung war „ab Ende 1937 mit vereinzelten, ab 1939 bereits mit großen bewaffneten Aktionen“ zu rechnen, vor allem auch gegen Österreich. Daher „durfte weder im eigenen Lager noch in Deutschland und den anderen Staaten den geringsten Zweifel an unserer unbeugsamen Entschlossenheit Raum gegeben werden“, schreibt er in seinen Memoiren. [1] Und er wollte alles in seinen Kräften liegende tun, „um jedem Angriff – wo immer er kommen möge – mit der ganzen Wucht der Waffen des Bundesheeres zu begegnen“.

In Österreich hatte man sich bis dahin mit den Bedrohungsfällen T = Tschechoslowakei, U = Ungarn, S = SHS, also Jugoslawien, sowie I = Italien beschäftigt. Ähnliche Planungen gegen Deutschland hatte General Körner, Heeresinspektor bis 1924 noch ausdrücklich untersagt.

Kriegsplan „DR“ – Jansa Plan

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland hatte sich die Situation jedoch grundlegend geändert. Die Operationsabteilung befaßte sich nun unter der Leitung von Oberst, später Generalmajor Moritz Basler intensiv mit der Möglichkeit eines Deutschen Angriffs auf Österreich und den erforderlichen Gegenmaßnahmen. Diese Überlegungen fanden ihren Niederschlag in dem von Jansa mit vollem Einsatz betriebenen Kriegsplan „DR“ = Deutsches Reich, auch als „Jansa Plan“ bezeichnet. Angesichts der deutlichen Bedrohung durch Hitler entschied Jansa, „alle Vorbereitungen … und alle verfügbar zu machenden Geldmittel mit einem 90%igen Schwergewicht an die deutsche Grenze zu legen.“ [2]

Die Planungen gingen von einem Hauptstoß der Deutschen Wehrmacht durch das Donautal Richtung Wien und Inbesitznahme der Bundeshauptstadt aus. Die erste von Ba(sler) am 6.10.1936 abgezeichnete Weisung an die für den Fall „DR“ vorgesehene „Westarmee“ ist kurz gehalten. Sie lautet:

Weisung Westarmee 1936 - (C) SWGM

„Die West-Armee (1., 2., 3., 5. u. Schützendivision, SAR) hat das Eindringen des Feindes auf österreichisches Gebiet unter möglichst geringem Geländeverlust zum Stehen zu bringen. Linien hartnäckigen Widerstandes sind in erster Linie die Traun, in zweiter Linie die Enns. Nach Eintreffen des Kommandos im Versammlungsraume sind auch die 4.Division und der Grenzschutz unterstellt. Nach Eintreffen der 7.Division im Pongau wird der Befehlsbereich des Kommandos auch auf den Abschnitt der 8.Brigade erstreckt. ….“ [3]

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Weisung an Westarmee - Jansa Plan

Der letzte vorliegende Auftrag an die „Westarmee“[4] erfolgte zu Anfang des Jahres 1938, abgezeichnet von Ba(sler) am 11.1.38 und von Ja(nsa) am 12.1.38. Er war wesentlich umfangreicher.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Weisung an Westarmee - Jansa Plan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Weisung an Westarmee - Jansa Plan

 

Verteidigungsmaßnahmen im Westen

Die von Österreich gegen den erwarteten Hauptstoß im Donautal Richtung Wien getroffenen Verteidigungsvorbereitungen sind hinreichend dokumentiert [5. Die nachstehenden Ausführungen befassen sich nur mit den Sperr- und Verteidigungsmaßnahmen, die im Rahmen der Planungen für den Fall „DR“ auf dem „Nebenkriegsschauplatz“ Salzburg, Tirol und Vorarlberg vorgesehen waren.

Die erst 1936 aufgestellte 8. Brigade hatte folgenden Auftrag:[6]

 

Die 8. Brig. hat mit den in und bei Salzburg befindlichen Teilen einen Einbruch des Feindes über die Salzach zu verhindern. Hartnäckiger Widerstand ist vor der Stadt Salzburg, an der Salzach und nötigenfalls östlich und nordöstlich der Stadt zu leisten. Im Falle eines übermächtigen Angriffes hat die Brigade mit der Hauptkraft entlang der Westbahn über Straßwalchen, mit einer Nebenkraft (1Baon, 1 Bt) gegen Ischl ausweichend – Anschluß an die 4.Div. zu halten.

Zur Deckung der Versammlung der 7.Div, die ab 2. Alarmtag im Raume Paß Lueg, Radstadt, Schwarzach erfolgt, hat die II.Abt/lAR 8, gestützt auf Miliz, den Paß Lueg ehest zu sperren, das Baon I/2, das durch einen Geschützzug der II.Abt des lAR 8 zu verstärken ist, das Vordringen des Feindes gegen Saalfelden zu verhindern.

Diese Verbände und der Grenzschutz vom Paß Lueg einschließlich bis zur Landesgrenze zwischen Salzburg und Tirol werden dem 7. DivKdo unterstellt.“Lagekarte Jansa Plan

Die aus Kärnten herangeholte 7.Division hatte die Verbindung zwischen den Hauptkräften in Oberösterreich und der 6.Division in Tirol offen zu halten, den Paß Lueg und eine eventuelle Umgehung über Annaberg zu sperren sowie Flankenstöße gegen eingebrochenen Feind vorzubereiten. Die 8. Brigade und 7. Division waren der West-Armee unterstellt.

Auftrag an die 6. Division:

Im ersten von insgesamt neun Entwürfen[7] der Weisungen für den Kriegsfall „DR“ heißt es sehr knapp:

„Die 6. Div.  hat Tirol und Vorarlberg unter Heranziehung aller bewaffneten Organisationen des Landes hartnäckig zu verteidigen.“

Erst im 8., von Basler am 23.10.37 abgezeichneten  Entwurf[8] scheint wieder ein Auftrag für die 6. Division auf.  Dieser lautet:

„6. Div. hat mit den ihr zur Verfügung stehenden Kräften ein Eindringen des Feindes in Tirol unter möglichst geringem Geländeverlust zumindest zu behindern. Auf die Sperrung des Arlberges ist besonderes Gewicht zu legen.“

Jansa Plan

Diese Formulierung hat aber nicht die Zustimmung Jansas gefunden. Handschriftlich vemerkt er: „Stilisierung aus 1. Anweisung ist besser ! Ja(nsa)„.

 

So findet sich in der letzten vorliegenden Fassung[9, die am 11.1.38 von Basler und am 13.1.38 von Jansa abgezeichnet und  schließlich von Obltn. Czapp der MobAbt. am 7.2.38 reingeschrieben wurde, wieder die erstgenannte Formulierung.

Diese Weisung koordiniert u.a. auch die Zusammenarbeit mit der im Raum Paß Lueg, Radstadt, Schwarzach versammelten 7. Division.Jansa Plan

 

 

 

 

 

 

Mobilisierungsanweisungen 1938

Jansa Plan

Jansas Kontakte mit Italien …

Kräfteverhältnis …

Personelle Maßnahmen …

Technische Maßnahmen …

Vorbereitete Straßen- und Grenzsperren, Sperrkommandos …

Die Vorbereitungen im Einzelnen …

Nachweis der Sperrvorbereitungen:

Der „Technische Erkundungsbericht über die Aufsuche von Stecksperren aus der Zeit des 1.Bundesheeres in Tirol“ verfaßt von wAR Ing. Hermann Wiery, Referent für Landesbefestigung beim damaligen Gruppenkommando III in Salzburg, datiert mit 24.5.1963, bestätigt an Hand von Kartenausschnitten und Bilddokumentation unter konkreter Ortsangabe die Existenz dieser Sperren. Nachstehend ein Beispiel:

„Nach Angaben aus der Zeit des 1. Bundesheeres sollten sich Stecksperren in nachfolgenden Straßenzügen befinden.

1)   Bundesstraße Nr. 172, zwischen Zollhaus und Bahnhof Kufstein.

….

 „Zu 1): Vorgefunden wurde eine Doppelsperre bei km 14,266. Sie besteht aus 11 Schächten, der Schacht ist 1,10 m tief. Breite des Betonkörpers ca. 1,60 m, Länge 7,00 m. Sperre voll brauchbar. … Sperrstelle durch beiderseits der Straße versetzte Stahlbolzen markiert. Die Schachtdeckeln sind durch die Verschleißschichte (aufgerissene Umrahmung) teilweise sichtbar.“

Französische Sperren in der Nachkriegszeit

Die französische Besatzungsmacht hat nach der im Jahre 1948 erfolgten Machtübernahme der Kommunisten in Prag für den Fall eines Vorstoßes der Roten Armee nach Westen eine Verteidigungkonzeption für ihre Zone (Tirol und Vorarlberg) entworfen, die sich auf ein umfangreiches System von Sperren stützte. Man hat dabei auf bereits vorhandene Anlagen zurückgegriffen und zu diesem Zweck vom Landesbauamt Innsbruck eine Zusammenstellung aller „Bauwerke mit Minenanlagen“ eingefordert. Die vorgelegte Auflistung gibt interessante Rückschlüsse auf die vom Bundesheer der 1.Republik vorbereiteten Sperrmaßnahmen

Schluß

Feldmarschall Alfred Jansa hat die politische Entwicklung richtig vorausgesehen und die Gefahr, die von Hitlers aggressiver Politik und der deutschen Aufrüstung ausging, klar erkannt. Nach seiner Rückkehr nach Wien und Betrauung mit der Aufgabe des Generalstabschefs hat er alles unternommen, um entsprechende Maßnahmen gegen die Bedrohung durch den großen Nachbarn im Norden zu setzen. Trotz schwieriger politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse wurden von militärischer Seite umfangreiche und ernsthafte Vorbereitungen getroffen für den Fall einer militärischen Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reich – und das in der kurzen Zeit von nicht einmal drei Jahren. Durch die politischen Fakten sind die Maßnahmen nicht zum Tragen gekommen. Unbeschadet dessen sind sie aber Beweis dafür, dass von der militärischen Führung alles unternommen wurde, um die Unabhängigkeit Österreichs zu erhalten.

 (Der Volltext dieses Beitrags erscheint in PALLASCH Zeitschrift für Militärgeschichte Heft 28, Milizverlag Salzburg, Schwarzenbergkaserne, Objekt 48, 5071 Wals

Literatur:

  • Wilfried Aichinger: Österreichs wehrpolitische Lage in der Zwischenkriegszeit. In: ÖMZ 2/1985
  • Wolfgang Etschmann, Österreich – Die Erste Republik. Zur wehrpolitischen Entwicklung. In: ÖMZ 2/1988
  • Peter Gschaider, Das Österreichische Bundesheer und seine Überführung in die Deutsche Wehrmacht, phil.Diss., Wien 1967
  • Alfred Jansa, Aus meinem Leben Kap X 1935-1938
  • Walter Kleindel, Gott schütze Österreich. Der Anschluß 1938. ÖBV Wien
  • Erwin A. Schmidl, März 1938. Der deutsche Einmarsch in Österreich ÖBV Wien 1987
  • Erwin Steinböck, Die bewaffnete Macht Österreichs im Jahre 1938. In: Anschluß 1938. Protokoll des Symposiums in Wien am 14. Und 15. März 1978. Verlag für Geschichte und Politik Wien 1981
  • Erwin Steinböck, Österreichs militärisches Potential im März 1938. Verlag für Geschichte und Politik Wien 1988
  • Erwin Steinböck, Die österreichische Landesbefestigung von 1918 bis 1938. In: Politik und Gesellschaft im alten und neuen Österreich. Festschrift für Rudolf Neck zum 60. Geburtstag. Hg. Isabella Ackerl, Walter Hummelberger, Hans Mommsen. Band II. Verlag für Geschichte und Politik. Wien 1981
  • Hubertus Trautenberg, Die Abwehrvorbereitungen gegen einen deutschen Angriff im Bereich der 4.Division zwischen 1936 und 1938. In: ÖMZ 2/1988
  • Hermann Wiery, Technischer Erkundungsbericht über die Aufsuche von Stecksperren aus der Zeit des 1. Bundesheeres in Tirol

Anmerkungen/ Fußnoten

[1] Alfred Jansa, Aus meinem Leben. Kap X 1935-1938
[2] Ebda.
[3] Archiv der Republik (AdR) BMLV OpAbt „DR“ OpInt 103/38 Jansa-Plan 865
[4] AdR, Jansa-Plan 923
[5] Wilfried Aichinger: Österreichs wehrpolitische Lage in der Zwischenkriegszeit. In: ÖMZ 2/1985

Wolfgang Etschmann, Österreich – Die Erste Republik. Zur wehrpolitischen Entwicklung. In: ÖMZ 2/1988
Peter Gschaider, Das Österreichische Bundesheer und seine Überführung in die Deutsche Wehrmacht, phil.Diss., Wien 1967
Walter Kleindel, Gott schütze Österreich. Der Anschluß 1938. ÖBV Wien
Erwin A. Schmidl, März 1938. Der deutsche Einmarsch in Österreich ÖBV Wien 1987
Erwin Steinböck, Die bewaffnete Macht Österreichs im Jahre 1938. In: Anschluß 1938. Protokoll des Symposiums in Wien am 14. Und 15. März 1978. Verlag für Geschichte und Politik Wien 1981
Erwin Steinböck, Österreichs militärisches Potential im März 1938. Verlag für Geschichte und Politik Wien 1988
Erwin Steinböck, Die österreichische Landesbefestigung von 1918 bis 1938. In: Politik und Gesellschaft im alten und neuen Österreich. Festschrift für Rudolf Neck zum 60. Geburtstag. Hg. Isabella Ackerl, Walter Hummelberger, Hans Mommsen. Band II. Verlag für Geschichte und Politik. Wien 1981
Hubertus Trautenberg, Die Abwehrvorbereitungen gegen einen deutschen Angriff im Bereich der 4.Division zwischen 1936 und 1938. In: ÖMZ 2/1988
u.a.

[6] AdR, Jansa Plan 913
[7] AdR,  Jansa Plan 817
[8] AdR, Jansa Plan 872
[9] AdR, Jansa Plan 905