1813 Völkerschlacht bei Leipzig
Trachenberger Kriegsplan

Kurt A. MITTERER

Friedrich Jakob Heller von Hellwald veröffentlichte kurz nach dem Tod von Feldmarschall Graf Radetzky im Jahre 1858 eine Abschrift von dessen operativem Konzept, das mit der geläufigen Bezeichnung „Trachenberger Kriegsplan“ in die Militärgeschichte einging. Im Archiv für Nachlässe von Militärpersonen verwahrt das Salzburger Wehrgeschichtliche Museum ein handschriftliches Originalexemplar dieses einzigartigen historischen Planungsdokuments. Da es nicht mit den damals üblichen Unterschriftsklauseln versehen ist, muss es sich um ein Entwurfs- bzw. Arbeitsexemplar handeln. Für den Militärhistoriker bietet es jedoch noch zusätzliche Inhalte, die zwar im Dokument niedergeschrieben, jedoch aus unterschiedlichen Beweggründen ausgebessert bzw. durchgestrichen wurden. Das Dokument umfasst insgesamt acht Seiten auf vier Doppelbögen und ist sehr übersichtlich und klar in der damals üblichen Kanzleischrift abgefasst. Der Operationsplanentwurf dürfte einer Schreibkraft diktiert worden sein. Es wurde der damaligen Kanzleiordnung entsprechend verfasst und entspricht der Veröffentlichung Heller von Hellwalds.

Die Grundidee

Die Grundidee zum operativen Vorgehen der alliierten Armeen hatte Feldmarschall-Leutnant Josef Graf Radetzky schon drei Monate vor dem Kriegseintritt Österreichs bzw. zwei Monate vor der endgültigen Festlegung des gemeinsamen Feldzugs in der Konferenz in Trachenberg. Daher der Name „Trachenberger Kriegsplan“. Heute heißt der polnische Ort Zmigròd und liegt 47 km nördlich von Wrozlaw, ehemals Breslau.

Radetzky versah damals seinen Dienst als Chef des Stabes beim Oberbefehlshaber aller alliierten Armeen Feldmarschall Karl Fürst Schwarzenberg. Eine Herausforderung für die operativen Überlegungen Radetzkys war die Unkalkulierbarkeit des genialen Feldherrn Napoleon, denn um in der alles entscheidenden Schlacht siegreich zu sein, musste für die Alliierten ein Maximum an Kraft und zahlenmäßiger Überlegenheit sichergestellt werden.

Hauptinhalte seiner Überlegungen waren offensives Vorgehen verbunden mit einer Zermürbungstaktik. Mit dieser Anlage beabsichtigte man, so zu operieren, dass Napoleon mit seiner Hauptarmee zu keinem Zeitpunkt zu einem konzentrischen Masseneinsatz gegen eine der drei alliierten Hauptarmeen gelangen könnte. Einer Vorgehensweise, mit der er bisher sämtliche Erfolge erzielt hatte.

Das Operieren von der äußeren Linie aus, welches taktische Nachteile mit sich brachte, wurde zugunsten eines zermürbenden „Katz- und Mausspiels“ bewusst in Kauf genommen. Dieses Operieren sollte so lange betrieben werden, bis nach einem Kesseltreiben eine Entscheidungsschlacht mit konzentrisch aufmarschierten, zahlenmäßig weit überlegenen Armeen erfolgversprechend angenommen werden könnte. Diese in der Anlage vorsichtige Vor- und Zurück-Taktik stieß bei den meisten Generälen der Alliierten immer wieder auf Widerspruch. Besonders tat sich Zar Alexander I. durch sein eigenwilliges Eingreifen in die Befehlsgebung immer wieder hervor. Wo der Plan nicht eingehalten wurde, mussten die Verbündeten prompt Rückschläge hinnehmen. Wo hingegen der Plan eine konsequente Anwendung fand, erlitten die Franzosen starke Verluste und büßten auch oft die Initiative ein. Radetzkys strategische Ansichten haben sich dann schließlich im Verlauf des Krieges bis zur Eroberung von Paris 1814 zur Gänze durchgesetzt.

Generalstabsoberst Theodor Franz Graf Latour überbrachte dem Zaren Alexander I. Radetzkys Operationsplan nach  Trachenberg. Trotz ursprünglicher Bedenken stimmten dem österreichischen Operationsplan alle Verbündeten zu, um sicher zu gehen, dass Österreich nicht im letzten Augenblick die Allianz gegen Napoleon verlassen könnte.

Der Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813

Der Versuch Napoleons, dem Plan durch die Vernichtung der Einzelarmeen der Verbündeten zu begegnen, scheiterte. Letztlich führte Radetzkys neue operative Idee nach mehreren gewonnenen Schlachten für die Alliierten – mit Ausnahme der Niederlage von Dresden – zur Einkreisung von Napoleons Truppen bei Leipzig. Dies war, dem Plan entsprechend, die Voraussetzung für den alliierten Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig.

Quellennachweise:

  • Friedrich Jakob Heller von Hellwald: Der k.k. österreichische Feldmarschall Graf Radetzky. Eine biographische Skizze nach den eigenen Dictaten und der Correspondenz des Feldmarschalls von einem österreichischen Veteranen, Stuttgart, Augsburg 1858.
  • Derselbe: Denkschriften militärisch-politischen Inhalts aus dem handschriftlichen Nachlaß des k.k. österreichischen Feldmarschalls Grafen Radetzky, Stuttgart, Augsburg 1858.
  • Kriegsarchiv Wien (KA), Alte Feldakten (AFA) 1813/Deutschland-Hauptarmee (Dtld-HA)/VII/38, 80;
  • Salzburger Wehrgeschichtliches Museum (SWGM)/Archiv für Nachlässe von Militärpersonen (ANM)1813/Sammlung Zobel, S. 1 – 8

Literatur:

Kurt Anton Mitterer:

  • 1813: Kampf um Europa, in: Forum Salzburger Volkskultur, Salzburg 2013, S. 89 – 97. ISSN 1563-2881.
  • Die Rolle Österreichs im Feldzug 1813 – „Die für Europas Freiheit kämpfenden Scharen …“, in: Festschrift anlässlich der Ausstellung des Salzburger Wehrgeschichtlichen Museums zum 200. Jahrestag zur Völkerschlacht bei Leipzig im Schloss Markkleeberg bei Leipzig, Dresden-Markkleeberg 2013. ISBN 978-3-00-041818-1
  • Der Trachenberger Kriegsplan, in: Zeitschrift Truppendienst. Zeitschrift für Ausbildung, Führung und Einsatz im Österreichischen Bundesheer – Folge 335, Ausgabe 5/2013, Wien 2013.