Karl Freiherr von Birago

1792-1845

 

Carlo Cav. Birago entstammte lombardischem Landadel und wurde am 24.4.1792 in Cascina d'Olmo in der Gemeinde Locate bei Mailand geboren. Die Lombardei gehörte damals zum Habsburgerreich. Im Zuge der Napoleonischen Kriege wurde sie dann ein Teil Frankreichs, später des Königreichs Italien, und fiel 1814 wieder dem österreichischen Kaiserreich zu. Diese politische Entwicklung erlebte Birago in seiner Jugend.

Er erhielt eine Ausbildung zum Kartographen an der Universität Pavia, die er auf Grund seiner außerordentlichen mathematischen Begabung bereits mit 17 Jahren abschloß. Es folgten drei Jahre Dienst im Katasteramt.

Mit 20 trat er in die von Napoleon gegründete Militärakademie in Pavia ein und erhielt die Ausbildung zum Offizier.

1814, nach dem Ende der Napoleonischen Aera, wurde er in die österreichische Armee übernommen und im Mailänder Kartographischen Institut zu Vermessungsaufgaben eingesetzt. In dieser Funktion wurde er dem Oberst Baron Welden anläßlich einer Erkundung der von Napoleon errichteten Straßen über die Schweizer Alpenpässe als orts- und sprachkundiger Führer beigegeben. Dieser erkannte die hervorragenden Fähigkeiten des jungen Offiziers und holte ihn an die 1811 von Radetzky gegründete Pionier-Corps-Schule in Korneuburg bei Wien als Lehrer für Mathematik.

Oberst Welden, damals Waffenchef der Pioniertruppe, war zu dieser Zeit mit dem Projekt einer neuen „Laufbrücke“, einem leichten Brückengerät auf festen Unterstützungen befaßt und zog Birago zu diesen Arbeiten heran. Dieser entwarf zuallererst "ein Modell von einem Bock ganz neuer Art". Während es sich bei den bisherigen Unterstützungen um einfache Mauer- oder Zimmererböcke gehandelt hat, bestand Biragos Vorschlag aus zwei Paaren gekreuzter Beine, deren Länge der Unebenheit des Untergrundes angepaßt werden konnten. Die von oben gleichsam als Keil eingelegte Kappschwelle stabilisierte bei Belastung die ganze Konstruktion. „Dadurch, daß die Füße einen unveränderlichen Winkel bilden, nimmt die Basis des Bocks im Verhältnis der wachsenden Höhe desselben stets zu, und es ist daher seine Stabilität, in dieser Beziehung bei jeder Höhe gleich“, verweist Birago auf einen weiteren Vorteil seiner neuen Konstruktion. Eine wesentliche Erleichterung ergab sich auch beim Einbau. Mußten die Pioniere bis dahin oft bis zum Hals im kalten Wasser stehend die Böcke einbringen, wurde nun die Kappschwelle auf zwei Booten eingefahren und die Füße durch die entsprechenden Führungen in den Boden gerammt. Damit war auch gleichzeitig eine horizontale Lage der Kappschwelle gewährleistet. Zur Fixierung wurden die oberen Enden der Füße zusammengerödelt.

 

 

Nachgebautes Modell eines Birago-Bockes. Pioniermuseum Klosterneuburg

Aus Biragos Bildmappe der " Laufbrücke".  Pioniermuseum Klosterneuburg


Daß diese Vorgangsweise die Arbeit der Pioniere nicht nur wesentlich erleichtert, sondern auch enorm beschleunigt hat, ist verständlich. Birago vermerkt dies auch mit einem gewissen Stolz: „Das Einbauen der Böcke auf diese Art geht so schnell, dass jede gut abgerichtete Partie ein Brückenglied von 22 1/2 Zoll Länge in vier Minuten einzubauen im Stande ist, somit eine 30 Klafter (ca. 56 m) lange Brücke in einer halben Stunde hergestellt werden kann.“

In Anerkennung dieser Verdienste wurde Birago der Orden der Eisernen Krone 3.Klasse verliehen.

Erzherzog Karl, der die innovativen Fähigkeiten Biragos erkannt hat, ermunterte ihn nun, „eine auch für grosse Flüsse berechnete, und auf dieselbe Idee begründete Brückenequipage zu entwerfen, welche somit als alleinige Militärbrücke genügen sollte“, die also in der ganzen Armee, bei den Pionieren wie bei den Pontonieren - das waren damals noch getrennte Waffengattungen - Verwendung finden sollte. Bis dahin hatte nämlich weder das Gerät der einen noch der anderen Waffengattung den Bedürfnissen der Armee entsprochen. Die Laufbrücke der Pioniere hatte nicht die erforderliche Tragfähigkeit. Das Pontonbrückengerät der Pontoniere brachte zwar die erforderliche Leistung und war im Frieden gut verwendbar, für einen Kriegseinsatz aber zu schwerfällig und zu langsam. Biragos revolutionäre Idee war es nun, die schweren Pontons zu teilen. Die Einzelteile wurden damit kleiner und leichter und daher schneller transportierbar. Sein Vorschlag fand aber nicht die Zustimmung der etablierten Führung der Pioniere und Pontoniere. Diese hatten zum Teil eigene Konzepte für ein neues Brückensystem vorgelegt und fühlten sich von einem Außenseiter – Birago kam ja von der Vermessung – konkurrenziert.

In dieser Situation ergab sich für Birago ein neues Betätigungsfeld. Erzherzog Maximilian von Habsburg-Este hatte ein neues Reichsverteidigungssystem entwickelt und vom Kaiser die Genehmigung erhalten, die Stadt Linz nach diesem System zu befestigen. Es handelte sich dabei um einen Ring von Geschütztürmen, die in einem Abstand von etwa 1.000 Schritt vor der Stadt errichtet wurden. Einige dieser "Maximilianeischen Türme" existieren heute noch z.B am Pöstlingberg, aber auch an anderen Stellen. Ihre Funktion war es, zu verhindern, daß feindliche Artillerie, deren Reichweite damals noch sehr gering war, in die Festung hinein wirken kann. Zur Durchführung dieser Arbeiten forderte Erzherzog Maximilian u.a. Birago an und übertrug ihm neben der Bauleitung bei den Türmen 1 und 2 auch die Projektions- und Zeichnungskanzlei. Dabei hat er sich so bewährt, daß Maximilian ihn seinem Bruder Francesco von Habsburg-Este, dem regierenden Herzog von Modena weiter empfahl.

Die Maximilianeische Befestigung von Linz Aus: Renate Wagner-Rieger, Die Maximilianeischen Türme von Linz als Architekturdenkmal, in: Kunstjahrbuch der Stadt Linz 1963 S. 69


Turm Nr 24 der Maximilianeischen Befestigung in Linz. Foto Koppensteiner

 

Das Herzogtum Modena erstreckte sich vom Po über den Rücken des Apennin bis an die Ligurische Küste und beherrschte damit die beiden traditionellen Einfallspforten von Frankreich nach Italien und zwar die Via Emilia in der südlichen Po-Ebene und die ligurische Küstenstraße. Modena bildete damit einen Schlüsselraum gegen eine französische Bedrohung – die Napoleonische Zeit lag schließlich erst zwei Jahrzehnte zurück. Zum anderen stellte das Herzogtum Modena die Verbindung vom Königreich Lombardo-Venetien, das ab 1814 wieder habsburgisch war, zum Großherzogtum Toskana dar, wo ebenfalls eine habsburgische Nebenlinie regierte. Damit kam dem kleinen Fürstentum  eine bedeutende strategische Bedeutung für die habsburgische Italienpolitik zu.

Im Zuge der revolutionären Ereignisse der Jahre 1830-31 war Herzog Francesco gezwungen gewesen, sein Land zu verlassen, und nur dem Einsatz österreichischer Truppen war es zu verdanken, daß er wieder an die Regierung zurückkehren konnte. Er war daher an einem sicheren Übergang über das unberechenbare Flußhindernis des Po interessiert. Aus diesem Grund baute er das uns aus den Don-Camillo-Filmen bekannte Städtchen Brescello am Südufer des Po als Brückenkopf aus und zwar mit Geschütztürmen in der Art wie Linz befestigt worden war. Als Bauleiter holte sich Herzog Francesco über Empfehlung seines Bruders Maximilian im Jahre 1835 Karl Birago. Dieser brachte auf der einen Seite durch seine in Linz gewonnene Erfahrung im Festungsbau die besten Voraussetzungen für diese Aufgabe mit, auf der anderen Seite bot sich ihm hier aber auch die Gelegenheit, seine in Wien abgelehnten Brückenpläne weiterzuentwickeln. Und er fand bei Herzog Francesco damit volle Unterstützung, denn nur  Brücke und Brückenkopf  zusammen gewährleisteten eine sichere Verbindung über den Po. Brescello und das Herzogtum Modena spielten in der Folge im Leben Biragos eine zentrale Rolle.

 


Brescello am Südufer des Po

Brückenschlag über die Donau in Klosterneuburg 1925. Pioniermuseum Klosterneuburg

 

1839 wurde Biragos neues Brückensystem im Herzogtum Modena eingeführt und im Rahmen eines großangelegten Manövers international vorgestellt. Offiziere aus ganz Europa nahmen daran teil und waren beeindruckt von diesem Gerät.  1841, Birago war inzwischen wieder nach Wien zurückgekehrt, wurde seine Konstruktion schließlich auch in Österreich als Standard-Brücke eingeführt – aber erst nachdem der heftig opponierende Waffenchef der Pioniere, Oberst Müller von Mühlwerth, seines Postens enthoben und einer anderen Verwendung zugeführt worden war.

Viele Armeen schickten nun ihre Offiziere zu Birago nach Wien, um sein neues Brückensystem kennenzulernen. Österreich wurde zum Mekka der Pioniere Europas. Folgende Staaten führten das Gerät – teilweise mit geringfügigen Modifikationen - in ihrer Armee ein: Bayern, Baden, Württemberg, Hessen, Hannover, Sachsen, Rußland, Schweden, Schweiz und die Türkei. Das Gerät stand teilweise bis zum 2. Weltkrieg, also etwa 100 Jahre in Verwendung, in Österreich ist eine Nachfolgekonstruktion noch heute in der Ausrüstung der Pioniere vorhanden.

Seine Erfahrungen im Pionierdienst und seine den Brückenbau betreffenden Erkenntnisse hat Birago in zwei Büchern schriftlich festgehalten. Seine „Anleitung zur Ausführung der im Felde am meisten vorkommenden Pionnierarbeiten“ stellt ein übersichtliches und umfassendes Handbuch für die Ausbildung und den Einsatz der Pioniere dar. Interessant und durchaus modern erscheinen seine didaktischen Hinweise. So verlangt er zum Beispiel, daß der erste Unterricht in kleinen Gruppen vorgenommen werden soll, „um die einzelnen Individuen besser zu belehren“. Nur wenn es „die Wirthschaft mit dem Material räth“, also Mangel an Ausbildungsmitteln es erfordert, können größere Gruppen gebildet werden. Dann aber ist die Aufmerksamkeit im Unterricht zu verdoppeln. Aber „man hüte sich, die Leute zum Auswendiglernen, ... zu zwingen; derlei Forderungen übersteigen die Gränzen ... des gemeinen Mannes, foltern ihn, ohne den beabsichtigten Zweck zu erreichen, und entfremden ihn der Lust zum Lernen.“ Bei den praktischen Übungen ist anfangs nicht auf Schnelligkeit, „sondern auf die gründliche Belehrung, und die regelmäßige, genaue Ausführung“ zu sehen. Erst wenn die Einzeltätigkeiten beherrscht werden, „dann erst werden Übungen, welche sich auf schnellen Betrieb der Arbeit, auf schnelle Beendigung eines Werkes  beziehen, von erwünschtem Erfolg  und Nutzen seyn.“ Diese Grundsätze könnten durchaus einem modernen Werk über Ausbildungsmethodik entnommen sein.

Sein Hauptwerk aber waren die „Untersuchungen über die europäischen Militärbrückentrains und Versuch einer verbesserten, allen Forderungen entsprechenden Militärbrückeneinrichtung“. In einer Zeit, in der es noch keine Technischen Hochschulen und damit auch keine systematische Forschung auf technischem Gebiet gab, hat Birago hier eine wissenschaftliche Basisarbeit für den Brückenbau geschaffen, die auch modernen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird.

Für seine Leistung wurde Birago mit zahlreichen in- und ausländischen Orden bedacht.

Außer der Brückenkonstruktion und dem Fortifikationswesen hat Birago sich aber noch mit anderen Dingen beschäftigt. So hat er ein Tauchgerät konstruiert, er hat Vorschläge für die Nachrichtenübermittlung mit Hilfe von Raketen gemacht und er hat 1830 einen Kanal vom Donauknie bei Cernavoda nach Constanza am Schwarzen Meer geplant, der schließlich eineinhalb Jahrhunderte später - nach dem Zweiten Weltkrieg - auch tatsächlich gebaut wurde.

Überdies wurde Birago von Erzherzögen und Fürsten als kluger Berater und geistvoller Gesprächspartner hoch geschätzt und immer wieder mit heiklen diplomatischen Missionen betraut.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß Birago - eine außergewöhnliche, hochgebildete Persönlichkeit von europäischem Format - seiner Zeit weit voraus war und zu Unrecht der Vergessenheit anheimgefallen ist.

 

Literatur:

Bruno W. Koppensteiner, Karl Freiherr von Birago - Brückenkonstrukteur, Festungsbauer, Diplomat.

Österreichischer Milizverlag, Salzburg, AG Riedenburg, Moosstraße 1. milizverlag@miliz.at. ISBN 3-901185-24-0